Sagen

 

Eiserne Jungfrau

Zum Bestandteil des Arbeitsinhaltes des Henkers und dessen Gehilfen wurde Anwendung der Stadtfolterkammer und des Prangers. Wem nur die Beine und Arme gebrochen wurden und auf dem Pranger ausgestellt wurde, der konnte über Glück sprechen. Aus dem Galgen führte der Weg nur zum Kirchhof. Als noch in der Nachbarschaft der St.-Bartholomäus-Kirche auf dem Marktplatz die Friedhofsmauer stand, wurde auf der rechten Seite des Haupteingangs in diese Friedhofsmauer ein Eisenring eingelassen, in den der Hals des Verurteilten geklemmt wurde. Der auf diese Weise gefesselte Verurteilte musste immer am Sonntag und am Feiertag an dieser Strafenstelle so lange stehen, wie das Gericht entschied.

Der grausamste Gegenstand der Pilsner Folterkammer war die eiserne Jungfrau, die die Pilsner nach dem Nürnberger Muster fertigen ließen. Im Jahre 1878 wurde nach der Erzählung des letzten Rathauswirt geschrieben, dass einmal ein Mensch mit der Umklammerung in die eiserne Jungfrau zum Tod gequält wurde. Dann wurde jedoch festgestellt, dass er nicht schuldig war. Die Nachricht darüber erfuhr der König, er regte sich auf und befahl, dass die Pilsner ihre eiserne Jungfrau zerstören. Dies passierte auch.

Es scheint, dass diese Erzählung einen bestimmten Zusammenhang mit der Nachricht aus dem Jahre 1874 haben kann. Nach dieser Nachricht spukte im Haus Nummer 251 in der heutigen Sedlackova Straße ein schwarz gekleideter Mann. Er erschien immer um die Mitternacht und um ein Uhr verschwand er immer auf einmal. Die alten Zeugen erzählten, dass er früher Richter in Pilsen war und ein unberechtigt beschuldigtes Mädchen zum Tod quälen ließ. Jetzt hat er angeblich im Begräbnis keine Ruhe. Er wird befreit, wenn ein männlicher Nachkomme des Mädchens zum Priester wird und für die Rettung seiner Seele ein Gottesdienst dient.

Es scheint, dass diese Bedingung erfüllt wurde, denn einmal hörte das Gespenst auf, sich zu zeigen.

An das unrühmliche Ende der schrecklichen Gegenstände, das erst um die Wende der fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhundert kam, erinnerte der letzte Rathauswirt: In einem alten Stadtlager, wo die Foltern aus der Pilsner Folterkammer gelagert wurden, befand sich auch eine große Wiege. Sie wurde zu einem besonderen Zweck bestimmt. Wenn immer ein Verführer eines Mädchens gerichtlich belangt wurde und schuldig gesprochen wurde, wurde er auf der rechten Seite des Eingangs ins Rathaus aus dem Marktplatz, an der Stelle, wo regelmäßig der Pranger stand, in diese Wiege gelegt und dort der öffentlichen Schande ausgestellt. Als unter dem Bürgermeister Wanka das Werkzeug aus der Stadtfolterkammer an einen Panorama-Inhaber verkauft wurde, wurde diese Wiege zum Brennstoff gespaltet.


Im Jahre 1995 erschien in der Pilsner Verlagsbuchhandlung Vesely das Buch „Goldenes Buch der Pilsner Sagen“ von Vladimir Havlic. Dieses Buch entstand nach der Schiebls Sammlung „Pilsen in Sagen, Legenden, Traditionen und Necken“. Die Publikation erschien unter finanzieller Unterstützung der Sparkasse Ceska sporitelna a.s., Filiale Pilsen anlässlich des 700. Jahrestages der Gründung der Stadt Pilsen.

Veröffentlicht: 16.9.2013, Martin Pecuch