Loos-Interieure

Die Loos-Interieurs

Ein einzigartiges architektonisches Prachtstück, das in Pilsen der weltbekannte Architekt Adolf Loos in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts für reiche Investoren aus den Reihen der jüdischen Gemeinde schuf, ist ein Set von 8 erhaltenen Wohnungsinneneinrichtungen. Außer dem einmaligen Design der Ersten Republik ermöglichen kommentierte Besichtigungen der Loos-Interieurs einen interessanten Einblick in die Wohnweise der damaligen jüdischen Gemeinde. Jedes Interieur hat darüber hinaus seine eigene Geschichte, in der oft tragische persönliche Schicksale von Einzelnen mit den Geschehnissen vor dem Zweiten Weltkrieg verwoben sind, im weiteren Verlauf auch mit der Zeit der Regierung durch das kommunistische Regime.

Die Wohnung des Arztes Josef Vogl (Klatovská Straße 12)

Im Kontext der europäischen Architektur des 20. Jahrhunderts haben die Loos-Interieurs einen außergewöhnlichen Wert, was auch dadurch belegt wird, das einzig in Wien eine größere Anzahl von Loos-Realisierungen erhalten ist. Die Ergebnisse Loos` Wirkens in Pilsen zählen zu seinen bedeutenden Werken, wie auch die Müller-Villa in Prag, das Tristan-Tzara-Haus in Paris oder das Wiener Geschäftshaus Goldman & Salatsch. 

Loos`Arbeit war für seine Zeit sehr modern und zeitlos; man kann sagen, dass er mit seinen Entwürfen seiner Zeit voraus war. Für sein Werk sind die Verwendung hochwertiger natürlicher Materialien und maximale Wertlegung auf durchdachte Funktionen und innere Ordnung der Wohnung typisch. Adolf Loos lehnte in seinen Arbeiten künstliche Verzierung und Dekorativismus ab. Er legte Wert auf die praktische Ausnutzung der Wohnung und so finden wir für die damalige Zeit moderne Einbauschränke oder andere atypische Ausstattung, die den Bewohnern der Wohnungen das Leben darin erleichtern sollte.

Das Haus der Brummels (Husova Straße 58)

Das Werk von Adolf Loos in Pilsen

Das Werk von Adolf Loos in Pilsen

Adolf Loos wirkte in Pilsen insgesamt in zwei Perioden zwischen den Jahren 1907 – 1910 und 1927 – 1932. Seine Klientel bildeten vor allem Unternehmerfamilien aus den Kreisen der Pilsner Juden. Diese lebten in der Umgebung der heutigen Klatovská-Třída-Straße – einem Stadtteil, der seiner Zeit eine Lokalität für luxuriöses Wohnen darstellte. Es handelte sich um einen geschlossenen Freundeskreis, für den das Loossche Design ein gewisses Prestige darstellte und in dem seine Arbeit untereinander weiterempfohlen wurde. Die jüdische Herkunft der Besitzer der Pilsner Loos-Interieurs schrieb sich in den späten 30er Jahren auf tragische Weise in die Schicksale der Familien ein, aber auch in die der Wohnungen, die sie verlassen mussten. Einige wurden in Ämter umgewandelt, andere wurden durch die späteren Mieter verwüstet. Erst in den letzten Jahren wurde das Werk von Adolf Loos rehabilitiert und schrittweise werden Rekonstruktionen verwirklicht, die diesen unikaten Inneneinrichtungen ihren alten Glanz zurückverleihen.

Heute werden dem Architekten Adolf Loos in Pilsen ungefähr 13 Realisierungen zugerechnet und davon sind bis in die heutige Zeit 8 erhalten geblieben. Drei von ihnen wurden teilweise oder vollständig rekonstruiert und weitere warten mit unterschiedlicher starker Beschädigung erst noch auf ihre Reparatur. Im Gegensatz zu anderen Orten, an denen Adolf Loos wirkte, erhielt er in Pilsen nie einen Auftrag für den Entwurf eines völlig neuen Hauses. Überwiegend handelte es sich um die Anpassung von Wohnungen gewöhnlicher Stadthäuser, die sich nicht vom üblichen Baustandard abhoben. Uneingeweihte Betrachter können deshalb nicht ahnen, dass sich in einigen Häusern echte Inneneinrichtungs-Perlen von Weltniveau verbergen.

Eines der schönsten Wohnungsinterieurs in Pilsen entwarf der weltbekannte Architekt Adolf Loos für die Bedürfnisse des Ingenieurs Vilém Kraus und seine Frau Gertrude in den Jahren 1930-1931. Die Familie jüdischen Ursprungs ereilte ein bewegendes Schicksal. Vilém reiste im Jahr 1993 nach England aus, um dort eine neue Lebensgrundlage für seine Familie zu schaffen. Seine Frau und seine Kinder schafften es jedoch nicht mehr zu emigrieren und kamen in Vernichtungslagern um.

Der wertvollste Teil ist der mit dem Esszimmer verbundene Salon mit Kamin. Die sich gegenüberliegenden Spielgelwände rufen einen Effekt unendlichen Raums hervor. Das Zimmer ist in grünem Cipollino Marmor gefliest, die Decke wird aus dunklen Mahagoniplatten gebildet. Der Gesamteindruck ist beinahe magisch. Interessant ausgestattet ist auch das erhaltene Schlafzimmer mit komfortablen Einbauschränken.

Die Wohnung des Arztes Vogl entwarf Adolf Loos in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in einem Haus in der Straße Klatovská třída 12. Das Haus gehörte ursprünglich der Familie von Emil Škoda. Eine der Wohnungen bewohnte später die Familie des Industriellen Otto Beck, für den Loos bereits im Jahr 1908 die Wohnungseinrichtung entwarf. Die Tochter Klára Becková wurde später Loos` dritte Ehefraus. Später erhielt die Wohnung der Arzt jüdischen Ursprungs Josef Vogl, für den Adolf wieder das gesamte Interieur auch mit Arztpraxis einrichtete.

Während der nationalsozialistischen Besetzung ging das Haus in deutsche Verwaltung über. In der ursprünglichen Wohnung von Doktor Vogl sind zwei Zimmer erhalten geblieben – der Salon mit Esszimmer und Einbaumöbeln, holzverkleideten Wänden oder Travertin-Fliesen im Esszimmer. Die Zimmer wurden nach der Renovierung mit originalgetreuen Repliken der ursprünglichen Möbel ausgestattet.

Den Umbau des mehrgeschossigen Hauses und die Ausstattung seines Interieurs projektierte Adolf Loos für Jan und Jana Brummel in der Straße Husova třída 58, die Fertigstellung war im Jahr 1929. Das Gebäude überdauerte sowohl die massive Bombardierung der Škoda-Werke zum Ende des Zweiten Weltkrieges, wie auch die Bemühungen der Ämter um den Abriss des Hauses in den 80er Jahren der 20. Jahrhunders. Nach dem Krieg wurde das Haus den Familienangehörigen zurückgegeben. Der Privateigentümer, ein Verwandter des Bauherrn, restauriert das Haus liebevoll und plant, es im Rahmen der vorbereiteten Besichtigungsstrecken mit Beginn der touristischen Saison 2015 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Obwohl das berühmteste Loos-Element, das in vielen seiner Interieurs Anwendung findet, der sogenannte Raumplan ist, finden wir es in Pilsen nur in einer Inneneinrichtung. Sie wurde für Oskar und Jana Semler von Loos` Schüler und Mitarbeiter Heinrich Kulka entworfen und befindet sich in einer Villa in der Straße Klatovská třída 110. Der Raumplan beruht auf der unterschiedlichen Schichtung von Höhen in den einzelnen Zimmern. Das Interieur wird nun von der Westböhmischen Galerie in Pilsen verwaltet, die plant, nach seiner Restaurierung darin ein Dokumentationszentrum für das Studium der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts in der Pilsner Region zu gründen. Die Innenausstattung soll auch der Öffentlichkeit teilweise zugänglich gemacht werden.

In der weitläufigen Wohnung des Unternehmers Hugo Semler sind bis zum heutigen Tage im ersten Geschoss seines Hauses in der Straße Klatovská třída 19 das Esszimmer, der Salon und der kleine Musiksalon aus der Zeit 1931 – 33 erhalten geblieben. Gerade der kleine Musiksalon ist nachweislich Loos`s Arbeit, die weiteren zwei Zimmer wurden im Loos-Stil gestaltet. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Inneneinrichtung vom Militärkommandanten der Stadt Pilsen Georg von Majewski, der sich hier nach der Kapitulation im Mai 1945 erschoss, als Arbeitszimmer genutzt. Von Kriegsende bis zum Jahr 1993 wurde das Haus einschließlich Ausstattung von Adolf Loos vom Militär genutzt. Bis jetzt wartet das Haus mit dem Interieur von Loos auf die Restaurierung und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. 

Als erste in Pilsen konnten sich die Eheleute Martha und Wilhelm Hirsch mit ihrer Wohnung „von Loos“ brüsten. Die Innenausstattung ihrer Wohnung in der Straße Plachého 6 schlug er im Jahr 1907 vor. Dieses Interieur ist nicht mehr vorhanden, aber im zweiten Stock des gleichen Hauses sind bis heute Fragmente eines Appartements erhalten geblieben, das Adolf Loos im Jahr 1927 für ihren Sohn Richard entworfen hatte. Es handelt sich um ein Schlafzimmer mit Einbauschränken. Die sonstige Wohnungseinrichtung einschließlich der Wandfliesen wurde in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts aus der Wohnung fortgeschafft und ist bis heute Bestandteil der privaten Adolf-Loos-Galerie in Prag. Dieses Loos-Interieur ist der Öffentlichkeit gegenwärtig nur zu besonderen Anlässen zugänglich.

Die Inneneinrichtung ist in privater Hand, der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Die Inneneinrichtung ist in privater Hand, der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Führungen durch die Loos-Interieurs

Führungen durch die Loos-Interieurs

Die Touristensaison hat in diesem Jahr in Pilsen ein weiteres touristisches Highlight gebracht – kommentierte Führungen der Wohnungsinterieurs des weltberühmten Architekten Adolf Loos. Vier von mehr als einem Dutzend einzigartiger Arbeiten, die in Pilsen auf Grundlage eines Entwurfs von Loos entstanden, können auch außerhalb der Saison immer donnerstags und samstags besucht werden. Die ersten zwei Besichtigungsrunden seit April zählten bereits mehrere Tausend Touristen. Eine dritte Besichtigungstrasse, die die Besucher durch die teilweise rekonstruierte Semlerova Straße führt, wird ab dem 12. November zugänglich sein. 

Die erste Besichtigungstrasse führt die Besucher gleich in zwei Interieure. Außer in die ehemalige Wohnung der Eheleute Kraus in der Bendova Straße 10, können sie auch einen Blick in Salon und Eßzimmer in der ehemaligen Wohnung von Doktor Vogl in der Klatovska Straße 12 werfen. Die zweite Besuchertrasse stellt ihnen das geräumige Zwei-Personen Appartment, das Brummel Haus in der Husova Straße 58 vor, dessen Rekonstruktion im Frühjahr 2015 abgeschlossen wurde. Auf der letzten der Besichtigungsrunden können die Besucher sich den ersten zugänglich gemachten Teil der Semler Residenz in der Klatovska Straße 110 ansehen.

Obwohl alle zugänglich gemachten Interieure von Adolf Loos vorgeschlagen wurden oder auf Grundlage seiner Konzeption entstanden sind, hat jedes seine Spezifika. Einen Besuch wert sind sie aber alle. Kommentierte Führungen gibt es während der touristischen Hauptsaison jeden Donnerstag, Samstag und Sonntag mehrmals nach Vereinbarung, außerhalb der Saison zwischen November und März nur donnerstags und samstags.

Da sich die Loos Interieure in den oberen Etagen von Wohnhäusern aus dem Ende des 19. Jahrhunderts befinden, ist die Besuchertrasse leider für Personen mit eingeschränkter Mobilität nicht geeignet.

In der ehemaligen Wohnung der Familie Kraus in der Bendova Straße 10 ist ein wunderbarer Salon mit einem Eßzimmer mit gegenüberliegenden Spiegelwänden zu sehen, die den Raum unendlich erscheinen lassen. Die mit dunkelgrünem Marmor ausgekleideten Räume erwecken einen fast magischen Eindruck. Die Besucher bekommen auch ein praktisch ausgestattetes Schlafzimmer mit ursprünglichen Einbauschränken und einem kleinen Toilettentischchen zu sehen.

Anschließend begeben sich die Besucher mit dem Gästeführer nur um nicht ganz 400 m weiter in die Klatovska Straße 12, wo sie in zwei Räume blicken, die sich aus der ursprünglichen Wohnung des Doktor Josef Vogl erhalten haben. Hier sehen sie den Salon mit Eßzimmer mit Einabaumobiliar sowie Wandverkleidungen aus Holz und Traventin. Die Räume wurden nach der Rekonstruktion mit genauen Repliken des ursprünglichen Mobiliars ausgestattet, so bekommen die Besucher auf einfachem Wege eine Vorstellung davon, wie die Vogls hier damals lebten. 

Trasse Nr. 2: Besichtigung des Brummel Hauses (Husova Straße 58)

Das am besten erhaltene Objekt in Pilsen mit einer bedeutenden Handschrift von Loss ist das Haus von Jan und Jana Brummel in der Husova Straße 58. Loos schlug einen Anbau vor und passte das ganze Objekt an die Ansprüche modernen Wohnens an.

Das Haus mit dem teilweise erhalten gebliebenen Original Mobiliar gehört zu den schönsten Realisationen von Loos in Pilsen. Die Besucher sehen dort gleich fünf Zimmer des damaligen Zwei-Generationen-Appartments. 

Trasse Nr. 3: Besichtigung des Semler Hauses (Klatovská Straße 110)

Obwohl das berühmteste Prinzip von Loos, welches in einigen seiner Häuser angewendet wurde, der sogenannte Raumplan ist, finden wir diesen in Pilsen nur in dem Villenhaus in der Straße Klatovská třída 110. Die Interieure entwarf hier für Oskar und Jana Semler Loos` Schüler und Kollege Heinrich Kulka, wahrscheinlich auf Grundlage des Konzeptes von Loos. Das Haus verwaltet nun die Westböhmische Galerie in Pilsen, die es fortlaufend renoviert mit dem Ziel hier ein Forschungszentrum der regionalen Architektur zu errichten.